Fassaden der Trennung

Eine Betrachtung von der Lagune aus auf eine eigene Welt

Murano ist berühmt für sein Glas. Wir alle haben dazu Bilder vor Augen. Bunte, leuchtende Farben, kunstvoll gestaltete Formen. Doch kaum jemand kennt das Gesicht der Insel, die ihre Geschichte den Bränden verdankt. Damit die Stadt Venedig verschont bliebe, wenn wieder einmal eine Glasbläserei abbrennen sollte.


Die Geschichte Muranos ist somit eine der Trennung. Das Wasser trennt die Glasinsel von der Stadt. Auch den Fassaden hin zu Venedig fehlt das Einladende, das Repräsentative. An schönen Tagen lässt das warme Rot der Backsteinbauten das Abweisende der Fronten vergessen. An Regentagen scheint die Insel verschlossen wie eine Muschel.


In dieser kurzen Serie habe ich den Blick auf das gelenkt, was Tausende tagtäglich sehen und doch nicht wahrnehmen, wenn sie für einen kurzen Aufenthalt beim Leuchtturm von Murano aus dem Schiff steigen, um nach einem Kaffee und einem Bummel durch die Glasgeschäfte wieder nach Venedig zurückzufahren. Den spröden Charme einer Insel, deren vornehmliche Aufgabe darin besteht, Unheil von der Stadt fernzuhalten und Distanz zu wahren.


Der Kulturanthropologe Alexander Ursevic hat zu dieser Serie einen eigenen Aufsatz verfasst, der hier beigefügt wird.

Die Insel Murano befindet sich im Herzen der Lagune von Venedig, nördlich der Altstadt, nur einen kleinen Sprung vom dicht bebauten Labyrinth der weltberühmten Kanäle. Dennoch nennt Michael Schmid seine dort entstandene Fotoserie: Fassaden der Trennung. Es sind Aufnahmen die ausschließlich während der Annäherung vom Boot aus im April dieses Jahres gemacht worden sind und sie zeichnen tatsächlich das Bild abweisender, ja schroffer Häuserfronten; die man mit der Serenissima, der Erlauchtesten Republik des Heiligen Markus, gar nicht assoziiert.

Das Trennende ergab sich zunächst aus der Notwendigkeit, den wichtigen aber gefährlichen Wirtschaftszweig der Glasproduktion wegen wiederkehrender Brände aus der Stadt zu verbannen. So befanden sich bereits im 13. Jahrhundert alle Betriebe auf Murano und bildeten einen eigenen Komplex aus Werkstätten und Siedlungen, in dem die Bläser unter sich waren. Die Insel wurde zur Heimat einer stolzen und mächtigen Zunft und das kann man an den wuchtigen, endlos langen Gebäuden aus massiven Ziegelwänden bis heute ablesen.

Der Rückzug aller Glasbläsereien aus der Stadt auf eine eigene Insel diente aber nicht nur dem Schutz Venedigs vor Feuer. Es gab noch einen anderen, vielleicht sogar triftigeren Grund für diese Maßnahme: das gut gehütete Geheimnis der Glasherstellung musste um jeden Preis bewahrt werden und somit auch die Vorreiterrolle der Handelsmetropole auf diesem Gebiet. Und in der Tat haben manche der Gebäude etwas Abwehrendes und mahnen an solide Wasserfestungen. Als wolle man sich vor den Besuchern aus der Außenwelt abschotten, zeigt man ihnen kein freundliches Gesicht, sondern versteckt sich hinter hohen, unverputzten Mauern und schmucklosen Eingängen.      

Gleichzeitig haben die so nüchtern errichteten Zweckbauten auch etwas Sakrales, Erhabenes. Es sind imposante Fabrikhallen, deren Bootszugänge ehrwürdigen Kirchenportalen ähneln oder Belüftungsanlagen auf den Dächern – mächtigen Kuppeln. Eine ganze Reihe gotisch anmutender Fenster ziert die Lagerräume eines Unternehmens als gehörten sie zum Trakt eines Klosters. Schließlich umgab das hier erzeugte Murano-Glas im restlichen Europa die Aura kostbarer Reliquien, konnten doch nirgendwo sonst Objekte in dieser Qualität erschaffen werden.

Die Fotoserie von Michael Schmid ist auch ein Dokument des poetischen Zerfalls. Das Geheimnis der Glasherstellung konnte nicht ewig behalten werden, neue Techniken sowie Produktionsstätten kamen auf und Murano verlor seine einstige Monopolstellung. Die Wiederbelebungsversuche im 19. und 20. Jahrhundert waren nicht erfolglos, konnten aber nicht mehr an die außergewöhnliche Bedeutung von früher anschließen. Obwohl immer noch künstlerisch Wertvolles geschaffen wird, lebt die Insel heute von ihrer langen Tradition, dem tadellosen Ruf und vor allem dem ehemaligen Glanz.      

Getränkt vom Wasser der Lagune gedeiht reichlich Moos an den Fassaden, wodurch sie einen üppig grünen Sockel bekommen. Besonders an den sonnigen Tagen kontrastiert er reizvoll mit dem leuchtenden Rot der verwitterten Backsteine und verleiht den Bauten etwas Märchenhaftes, Verwunschenes. Aus den Vorsprüngen und Öffnungen unter den Gesimsen wuchern lange Gräser oder Hängepflanzen heraus als hätte Rapunzel ihr Haar schon vor langer Zeit für einen nicht eingetroffenen Ritter heruntergelassen. Wie eine alte, kostbare Schüssel, die bereits mehrere Sprünge bekommen hat, zeigt uns Michael Schmid die Fassaden von Murano mit all ihren Narben und Unzulänglichkeiten doch als etwas Schönes, das sich dem Betrachter verweigert, ihn aber zur gleichen Zeit auch auf magische Weise in seinen Bann zieht.    



Alexander Urosevic, Wien im Juni 2013.

Michael SchmidPhotography Vienna